Dit is Balin oder: Nur einen Tick schneller…?!

„Wenn die Familie genug sauberes Wasser hat und das Einkommen für alle Kinder ausreicht, dann müssen die Eltern die Mädchen auch nicht schlechter behandeln als die Jungen!“ Voller Inbrunst haue ich Moderator Jonas diesen Satz am Samstagmittag im Reiterstadion in Berlin um die Ohren.

Als Vertreterin des Charity-Partners Plan International Deutschland  gebe ich auf der Bühne im Interview „Laufen für Plan International“ Auskunft, wie der Veranstalter mit Hilfe der Teilnehmerinnen Spenden sammelt, und wir bei Plan diese Spenden dafür einsetzen, dass es Mädchen und jungen Frauen in Entwicklungsländern besser geht.

Jonas nickt, bedankt sich für das Gespräch und wünscht allen „Glitzerflitzern“ einen tollen Tag und ein tolles Rennen. Damit ist mein erster Job des Tages schon mal abgehakt. Läuft.

Vor dem Lauf: Zwar gibt es tolle Funktionsshirts für jede Teilnehmerin, aber ich laufe quasi in Arbeitskleidung

Auch wenn es um nichts geht, habe ich mich für die Zeitmessung angemeldet.

Im wahrsten Sinne des Wortes, denn das Laufen wartet als nächstes auf mich. Frei nach dem Motto „Wenn ich eh schon mal da bin“ habe ich mich nämlich als Läuferin für die 5 km-Distanz angemeldet. Das kann ich mir erlauben, weil unser Stand im Women’s Village bestens betreut wird durch die Ehrenamtlichen der Plan-Aktionsgruppe, die sich den ganzen Tag über reges Interesse von den „Glitzerflitzern“ und ihren Begleitungen freuen.

Glitzerflitzer, ausnahmsweise stehend: Großes Interesse am Plan-Stand.

Eigentlich, so dachte ich, geht es mir ja um nichts. Nur darum, mal wieder einen Women’s Run mitzumachen, die tolle Atmosphäre rund um das Rennen zu erleben. Als dann um 14:00 Uhr der Starschuss ertönt, meldet sich mit ein bisschen Adrenalin überraschenderweise der Ehrgeiz. Ich renne los. Viel zu schnell, wie sich bald herausstellt. Ich habe mit Seitenstichen zu kämpfen und kann die tolle Aussicht gar nicht so recht genießen. Denn im Gegensatz zu meiner Women’s Run-Stammstrecke durch den Hamburger Stadtpark bietet der Lauf rund um das Berliner Olympia-Gelände viel weite Sicht. Gut, weil immer klar ist, wo die Strecke entlang führt. Schlecht, weil ich genau sehe, was noch alles vor mir liegt. Die klassischen Markierungen, „2 km“, „3 km“ und so weiter, wollen [japs] einfach nicht auftauchen [keuch]! Liegt die Gegend auf irgendeiner wandernden Erdplatte? Hat hier gerade die Kontinentalverschiebung eingesetzt, und das hier ist gar kein 5-Kilometer-Rennen (mehr)?

Alle flitzen – Ich glitzere!
Da höre ich Moderator Jonas – der Zieleinlauf kann nicht mehr weit sein. Da vorn laufen die „Glitzerflitzer“ an der Mauer zum Glockenturm entlang – und auf der anderen Seite sind Läuferinnen zu sehen, die vermutlich auf die Zielkurve einbiegen. Einmal um die Mauer herum, das schaffe ich! Läuft!
Auf der anderen Seite der Mauer stehe ich zu meiner großen Überraschung vor einem Berg! Gefühlte 70, ach was!, 85 Prozent! Steigung tun sich vor mir auf. Gemein! Prompt meldet mein Organismus: „Ohne mich. Peace, Schwester!“, und mir wird klar: Anders als viele andere Läuferinnen werde ich diese Steigung nicht im Lauf oder gar im Sprint bewältigen können. Also: schnell gehend ran an den Aufstieg. Absurderweise schießt mir durch den Kopf: „Mist, das kostet jetzt Zeit!“ Als hätte ich gerade nichts anderes zu tun. Gefühlt alle um mich herum flitzen – ich glitzere. Vor Schweiß.

Die Belohnung folgt auf dem Fuß. Beziehungsweise für den Fuß. Direkt nach dem Glockenturm geht es bergab auf die Zielkurve ins Reiterstadion, wo Hunderte Zuschauer den Läuferinnen zujubeln und Moderator Jonas uns Eintreffende auffordert, für das Zielfoto glücklich aus der Wäsche zu schauen.

Im Ziel treffe ich zwei meiner Ansprechpartnerinnen – eine davon ebenfalls im Laufdress. „Na, du bist auch mitgelaufen? Und, wie war es für dich?“, fragt sie mich. „Boah, ist die Strecke anstrengend – da sind ja Berge drin, das hat mir keiner gesagt!“, platze ich entrüstet heraus. Meine Ansprechpartnerinnen lachen sich kaputt: „Lustig, ich habe gerade erzählt, dass diese Strecke angenehm ist im Vergleich zu Stuttgart – da hast du Berge!“ Damit haben sie vermutlich Recht…

Nun will ich aber unbedingt wissen: Wie schnell war ich…? Bleibe ich unter der magischen Grenze von 30 Minuten? Das könnte vielleicht geklappt haben. Die schnell abgeholte Finisher-Urkunde spricht an dieser Stelle allerdings eine deutliche Sprache: „Gesamtzeit: 0:30:08“ oder in Worten: 30 Minuten und 8 Sekunden! Und trotz aller Freude, diesen Lauf bewältigt und diese tolle Renn-Atmosphäre mitgenommen zu haben, denke ich: „Grmpf. Wäre ich doch nur einen Tick schneller gewesen.“

Für den nächsten Women’s Run werde ich an mir arbeiten, beschließe ich: an meinem Tempo (damit es mit dem Ziel „unter 30 Minuten“ besser klappt). Und an meiner Einstellung (damit es mit der Freude besser klappt).

Als ich am Nachmittag zusammen mit einigen anderen Glitzerflitzern in der S-Bahn sitze, auf die Abfahrt warte und mich still daran erfreue, wie sie den Inhalt ihrer Finisher-Taschen ansehen und ausprobieren, werden alle Anwesenden mit einer Ansage des Zugführers überrascht: „Seä jeährte Faajäste, wejen einet Polizei-Einsatzes verzögat sich de Weiterfaat des Zuges auf unbestimmte Zeit…“ Und zum zweiten Mal heute denke ich: „Wäre ich doch nur einen Tick schneller gewesen.“

Viel später am Tag weiß ich die Tatsache, dass die Women’s Run-Materialien mehrfach verwendbar sind, sehr zu schätzen: Für den Feierabend auf dem Sofa habe ich mir meine eigene „Finishertasche“ zusammengestellt…!

Genau das Richtige nach so einem Lauf: die mehrfach verwendbare Finisher-Tasche!